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Konvergenz von Internet- und mobilen Services
Kaum eine Innovation hat das Leben und das Informationsverhalten unserer Gesellschaft in den vergangenen 20 Jahren so verändert wie das Internet. Obwohl die Geschichte des Internets noch nicht alt ist, kann man jetzt schon von verschiedenen Wellen der Entwicklung sprechen.
Dotcom-Phase: 1995–2000
In der ersten Phase des Internets ging es vor allem um „Business to Consumer“. Das war die Geburtsstunde von erfolgreichen Konzepten wie dem Online-Händler Amazon und der Versteigerungsplattform Ebay. In Deutschland starteten damals Unternehmen wie die Internet-Lottostelle Tipp24 oder der Online-Hypothekenfinanzierer Interhyp. Das World Wide Web bot diesen Unternehmen eine neue Plattform, um ihre Waren und Dienstleistungen an Endkunden zu bringen.
Je stärker das Internet an Fahrt aufnahm, desto einfacher wurde für Gründer die Finanzierung solcher Geschäftsmodelle. Es waren die Hochzeiten des Internet-Hypes. Mit den richtigen Schlagwörtern im Businessplan fanden sich damals im Handumdrehen private Finanziers, und ein Börsengang innerhalb eines Jahres war in diesen Zeiten keine Phantasie.
Doch das Internet hat nicht alle hochfliegenden Pläne der damaligen Gründer und Investoren erfüllt. Das Medium war neu. Die Gründer waren unerfahren. Und viele Finanzierer auch. Dazu kam, dass die Bandbreite des Internets noch nicht ausreichte, um aufwendigere Benutzeroberflächen schnell genug zu unterstützen. Die Dotcom-Phase endete in einer Dotcom-Blase. Und schließlich im Platzen derselben. In dieser Zeit ging manches teuer finanzierte Unternehmen spektakulär in die Knie. Der online-Modehändler Boo.com verbrannte von der Gründung 1998 bis zur Liquidation zwei Jahre später 130 Mio. Pfund. Und mit dem amerikanischen Online-Lebensmittelhändler Webvan ging rund eine Mrd. USD an Investorengeldern den Bach runter.
Post Bubble: 2000-2004
Auf die herbe Ernüchterung folgten neue Geschäftsmodelle. Die Post-Bubble-Zeit war gekennzeichnet von kostenfreien Internet-Services mit hohem Nutzwert. Im Vergleich zu herkömmlichen Geschäftsmodellen bedeuteten sie eine Revolution – allen voran die Musiktauschbörse Napster. Einige Vorreiter aus dieser Zeit machten vor, wie man mit kostenlosen Angeboten Gewinn erzielen konnte. Bei werbebasierten Geschäftsmodellen wie Google und Skype zählte vor allem die Zahl der Nutzer. Weil die IPO-Märkte in dieser Zeit für junge Internetunternehmen so gut wie tot waren, mussten Geschäftsmodelle einen harten Realitäts-Check bestehen. Wer nicht in kürzester Zeit profitabel war, hatte keine Chance.
Web 2.0: 2004–2008
Nachdem diese harte Phase von einigen Vorreitern erfolgreich durchschritten worden war, kam ab 2004 wieder mehr Bewegung in die Internet-Community. Die Nutzer hatten sich von diesen Entwicklungen über die Jahre nicht abschrecken lassen. Die Zahl der Internet-Nutzer stieg von rund 600 Mio. weltweit im Jahr 2002 auf rund 1,23 Mrd. Menschen im Jahr 2007. Damit hat sich die Online-Community innerhalb von nur fünf Jahren verdoppelt. Heute ist beinahe jeder fünfte Erdenbürger online.
Waren die Nutzer in den Anfangsjahren des Internets vor allem Käufer und Konsumenten, mutierten sie in Zeiten von Web 2.0 immer häufiger zu Produzenten von Web-Inhalten. So entstand eine Vielfalt basisdemokratischer Angebote: Wikipedia, das kostenlose Online-Lexikon, Blogs, Youtube, Facebook, Myspace, StudiVZ und Xing sind Kinder dieser Zeit. Web 2.0, das ist Internet zum Mitmachen. Im Gegensatz zur Post-Bubble-Zeit hatten sich auch die IPO- und M&A-Märkte wieder geöffnet: Google ging äußerst erfolgreich an die Börse, genauso wie in Deutschland der Online-Hypothekenfinanzierer Interhyp, der das ursprüngliche Investment von Earlybird um das 52-Fache zurückzahlte. Myspace und Facebook wurden für dreistellige Millionenbeträge übernommen.
Was kommt nach 2008?
Für einen Venture Capital-Investor ist es auch nach 15 Jahren Erfahrung nicht leichter geworden, im Internet zu investieren. Zwar sind die Anlaufkosten für Internetgeschäftsmodelle über die Jahre stark gesunken. Auch die Managementteams sind heute sehr viel erfahrener und kostensensibler als früher. Doch wirklich innovative neue Produkte und Konzepte werden immer seltener. Die Wettbewerbsintensität ist hoch, das nächste Angebot im Netz ist nur einen Klick entfernt. Allgemeinen, wenig spezifischen Werbeflächen droht der permanente Preisverfall. Die Investoren der Web-2.0-Phase sind aus ihren Investments teilweise noch zu sehr erfolgreichen Bewertungen ausgestiegen. Unklar ist jedoch, ob sich die Neuerwerbungen auch für die jetzigen Eigentümer rechnen werden – siehe Skype, Youtube oder Xing.
Dazu kommt, dass sich ein starker „Long Tail“ entwickelt. So ergibt sich im Netz eine zunehmende Fragmentierung in Spezial-Communities: Rund um Themen wie alte Autos, Mutter und Kind oder Spezialreisen entstehen viele neue Angebote, und das fast zeitgleich in allen Ländern der Erde. Gleiches gilt für Internetseiten, die sich einem einzigen Produkt verschreiben, wie Brillen, Schuhe, Uhren. Hier wird es – wie in der konventionellen Welt – nach der derzeitigen Fragmentierung auch wieder Konsolidierungsbemühungen geben, um eine relevante, synergiebringende Größenordung zu erreichen. Der starke Wettbewerb, die hohe Fragmentierung und der geringe Lock-in machen nur wenige dieser Ansätze für Venture Capital attraktiv.
Dank der steigenden Bandbreiten im kabellosen Internet werden die mobilen Netzwerke immer stärker zu Datenkanälen ähnlich dem Festnetz. Dadurch verlagern sich der Medienkonsum und der allgemeine Konsum weiter ins Internet bzw. auf mobile Endgeräte. Das spüren heute schon die Zeitungs- und Zeitschriftenunternehmen sowie die TV-/Radiogesellschaften, deren Werbeeinnahmen zurückgehen. Ganz besonders deutlich ist die Veränderung des Medienkonsums bei der jüngeren Generation. Hier wird inzwischen deutlich mehr Zeit im Internet verbracht als vor dem Fernseher. Die zunehmenden Bandbreiten werden diesen Trend noch verstärken. Die online abgewickelten Einzelhandelsvolumina steigen rasant. Diese Trends werden einige für VC-Geber hoch interessante Konzepte hervorbringen.
Videospiele beispielsweise werden zukünftig zunehmend als Browser Games und nicht mehr in der Box vertrieben. Das hat den Vorteil, dass sie überall verfügbar sind und sich bequem upgraden lassen. Finanziert werden diese Modelle entweder durch integrierte Werbung, über den Verkauf von Zusatzprodukten, mit denen Spieler ihre Fertigkeiten verbessern können (Item-sales), über Abo-Modelle oder eine Kombination von allen dreien. Auch Musik und Videos konsumieren Nutzer zunehmend übers Netz, ob nun im Abo-Service oder kostenlos in Kombination mit Werbung. Es gibt weltweit über 14.000 Internetradiosender, wozu eigentlich noch CDs kaufen oder bei ITunes Downloads erwerben?
Mit steigenden Bandbreiten wird auch der Qualitätsanspruch steigen: Die typische Youtube-Qualität wird keiner mehr ertragen wollen. Hochauflösende Bildformate (HD) werden zunehmen, ebenso wie dreidimensionale Darstellungen sowie „Real-Audio“-Formate, die MP3 langfristig obsolet machen könnten.
Darüber hinaus verlagert sich derzeit eine ganze Reihe von Angeboten vom Internet auf mobile Endgeräte. So wird das Handy in Zukunft noch stärker iPod-Ersatz werden, gleichzeitig aber als Remote-Control-Gerät für das Haus oder das Auto dienen sowie als Controller für Videospiele.
Spielkonsolen werden hingegen an Bedeutung verlieren, da verfügbare Bandbreiten einen hochleistungsfähigen Rechner à la PS3 überflüssig machen werden. Festnetz-Internet und mobiles Internet werden sich immer ähnlicher werden. Mobile Anwendungen auf dem Handy werden dieselbe Optik und die gleiche Nutzerführung wie auf dem PC bekommen. In diesem Umfeld sind die Chancen für Gründer und Investoren fast grenzenlos, ganz wie in den Anfangszeiten des Internets.
Dr. Christian Nagel, Managing Partner von Earlybird
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