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26.09.2006
  Es geht aufwärts - Europäisches Venture Capital rückt zusammen
 

Von Hendrik Brandis

Die europäische und insbesondere die deutsche Venture-Capital-Industrie (VC) durchlebten in den letzten Jahren einen bemerkenswerten Zyklus. Mitte der neunziger Jahre tummelten sich wenige Pioniere in der noch sehr kleinen Industrie. Sie wuchs bis zum Ende des Jahrzehnts explosionsartig und kollabierte dann fast vollständig. Die Situation Ende der neunziger Jahre war durch hohe Erwartungen ohne solides Fundament gekennzeichnet. Heute ist es genau umgekehrt: Eine im Zeitraffertempo gereifte Industrie weniger Überlebender sieht sich mit Mißtrauen und geringen Erwartungen konfrontiert, obwohl die Voraussetzungen im Markt mittlerweile exzellent sind.

Günstige Einstiegsbewertungen

Im Vergleich zu den Vereinigten Staaten erreichen die VC-Beteiligungen in Europa zum Einstiegszeitpunkt durchschnittlich nur ein Drittel, höchstens die Hälfte der Werte, die ihre amerikanischen Kollegen erzielen. Dies liegt am Überangebot attraktiver Beteiligungsmöglichkeiten, das einer geringen Nachfrage der wenigen aktiven VC-Fonds gegenübersteht. Die europäische Volkswirtschaft bringt zwar global kommerzialisierbare technologische Innovationen hervor, die den amerikanischen in nichts nachstehen. Aber die relative Ausstattung der Volkswirtschaften mit Frühphasenrisikokapital, gemessen am Bruttosozialprodukt, variiert im Vergleich zu den Vereinigten Staaten: in Großbritannien erreicht sie ein Drittel, in Deutschland nur ein Elftel des vergleichbaren Wertes in den Vereinigten Staaten.

Zu wenige VC-Fonds?

Die Kehrseite dieser niedrigen Penetration mit Frühphasenrisikokapital zeigt sich einerseits auf volkswirtschaftlicher Ebene: Vielversprechende Innovationen schaffen es nicht zur Marktreife. Andererseits ergeben sich aber auch Nachteile für den einzelnen VC-Investor selbst. Die Kommerzialisierung bedeutenderer technologischer Innovationen erfordert häufig viel mehr Kapital, als ein einzelner Venture-Fonds zur Verfügung stellen kann, wenn er eine angemessene Risikodiversifikation berücksichtigen möchte. Es müssen daher Syndikate unabhängiger Investoren gebildet werden. Das ist allerdings nicht einfach, weil die Anzahl aktiver Fonds sehr gering ist. Hierauf reagiert die europäische VC-Industrie aktuell mit einer wachsenden paneuropäischen Zusammenarbeit: Investitionen werden zunehmend auf europäischer Ebene syndiziert. Somit erschließen sie sich zum einen internationale Kapitalressourcen. Zum anderen verbessern sie ihre Zugänge zu internationalen Absatzmärkten und Netzwerken.

Revitalisierte Kapitalmärkte

Im Jahr 2005 fanden erstmals in Europa mehr Börsengänge aus VC-Portfolios statt als in den Vereinigten Staaten. Einen großen Anteil daran hatten auch Börsengänge aus deutschen VC-Beteiligungen, zum Beispiel Interhyp und Tipp24. Interessant ist hierbei, daß entgegen aller Erwartung die Exits in Europa im Durchschnitt sogar profitabler waren als in den Vereinigten Staaten. Das Unternehmen TLcom fand in einer Studie heraus, daß der Anteil der Unternehmen, die den Investoren beim Exit mindestens zehnmal ihr eingesetztes Kapital zurückbrachten, mehr als doppelt so hoch war wie in den Vereinigten Staaten: Die Anteile dieser Exits an allen Exits aus VC-Portfolios betrugen 6,5 Prozent in Europa und 3,1 Prozent in den Vereinigten Staaten. Die Untersuchung erstreckte sich über den Zeitraum vom ersten Quartal 2003 bis zum dritten Quartal 2005.

Trotz der geringen Geschwindigkeit, mit der sich derzeit der deutsche VC-Markt entwickelt, kommt der Reformprozeß auch in Deutschland langsam voran. Die Aufwärtsdynamik in den Vereinigten Staaten kühlt zwar eher ab. Aber die Anzeichen mehren sich, daß der weltweite Aufschwung nun endlich auch Europa erreicht. Vor diesem Hintergrund haben in den letzten zwei Jahren europäische Venture-Capital-Firmen wie Index, Sofinnova und Earlybird mit einer Reihe von gelungenen Firmenverkäufen und Börsengängen gezeigt, daß sich auch im europäischen Umfeld sehr wettbewerbsfähige Renditen erwirtschaften lassen.


   


 
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